Wie teuer darf eine Aktie sein?

Einschlägige Börsenzeitschriften wie Tageszeitungen sind sich einig, dass die Börse vor allem seit der Corona-Krise immer wieder ein relevantes Thema ist und berichten in den letzten Jahren zunehmend von hohen Kursständen. Uneinigkeit herrscht jedoch bei der Ansicht, ob es sich dabei um eine Spekulationsblase im Aktienmarkt handelt, die unweigerlich zu platzen droht und damit der Wirtschaft einen massiven Dämpfer verleihen wird, oder nicht. Während einige Artikel der Meinung sind, dass die Bewertungen der Aktien jenseits von Gut und Böse und fundamental nicht gerechtfertigt sind, teilen andere Berichte die Ansicht, dass typische Anzeichen für eine Spekulationsblase nicht gegeben sind.

Doch wie steht es denn tatsächlich um das Risiko, dass sich bestehende Aktionäre in einem übermäßig teuren Markt eingekauft haben? Und woran wird denn festgemacht, ob der Markt überhitzt ist?

Lasst uns in diesem Artikel einen Blick auf die aktuelle Situation an der Börse und einige Besonderheiten, die zurzeit vorherrschen, werfen.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis als Maßstab für das Bewertungsniveau

Wie wir wissen, sagt der Kurs an sich noch nichts über die Attraktivität einer Aktie aus, da es natürlich davon abhängt, welches Unternehmen dahinter steht. Hinzu kommt, dass auch Maßnahmen wie Aktiensplits oder -zusammenlegungen den Preis einer Aktie verändern können. Um eine tatsächliche Aussage darüber zu treffen, wie aussichtsreich eine Anlage ist, haben wir unter anderem eine bekannte Kennzahl das Kurs-Gewinn-Verhältnis kennengelernt. Auch diesmal werden wir uns dieser Zahl widmen – nicht, weil es das Nonplusultra der Kennzahlen ist, in der die “Wahrheit” steckt, aber weil es unter anderem ein Wert ist, der eine gewisse Aussagekraft über das Bewertungsniveau hat.

Da es zum KGV viele historische Werte gibt, schauen wir doch mal, wie sich das durchschnittliche KGV beim S&P500-Index (500 größte börsennotierte amerikanische Unternehmen) von 1950 bis heute entwickelt hat:

Durchschnittliches, jährliches KGV des S&P500
Quelle: https://www.macrotrends.net/2577/sp-500-pe-ratio-price-to-earnings-chart

Wie man unschwer erkennen kann, ist der S&P500 Index (wie auch andere Indizes) gekennzeichnet von vielen historischen Schwankungen. Durchschnittlich waren Aktien im Zeitraum von 1970 bis 1980 beispielsweise relativ günstig was deren Verhältnis zwischen Kurs und Gewinn je Aktie anbelangt. Gleichzeitig gab es zwei auffallend große Spitzen in der Dotcom-Blase im Jahr 2001 und in der Immobilienblase 2008. Was sagen diese Spitzen aus? Da hier das KGV abgezeichnet ist, waren in diesen Zeiträumen die Aktienkurse in Relation zu ihrem jeweiligen Gewinn je Aktie sehr teuer. Oder einfach gesagt: Die Gewinnerwartungen der Anleger waren über den amerikanischen Börsenmarkt durchweg sehr hoch. Falls dir noch etwas beim KGV unverständlich ist, lies gerne diesen Beitrag nochmal.

Jetzt haben wir fast einen ähnlichen Stand erreicht wie in der Dotcom-Blase 2001. Droht damit nun ein erneuter Zusammenbruch des Aktienmarktes?

Jein. Und diese genaue Antwort hat genau zwei Gründe. Zum einen möchte und kann ich kein Crash-Prophet sein. Wer ab und zu Berichte von einigen selbsternannten Börsengurus liest, wird häufiger Vorhersagen über bevorstehende Börsencrashs lesen. Ich bin der Meinung, dass niemand eine große Korrektur am Markt genau bestimmen kann. Und damit meine ich auch den richtigen Zeitpunkt zum Ausstieg kurz vor dem Kurssturz.

Das sehe ich nicht in meiner Fähigkeit und auch nicht als meine Aufgabe, solch ein Börsenprophet zu sein. Meine Aufgabe ist es, Wissen zu verbreiten, damit du dir mit diesem Verständnis über die Börse deine eigene Meinung und Einschätzung bilden kannst.

Das aktuelle Bewertungsniveau ist hoch, aber es gibt aus meiner Sicht Besonderheiten an der jetzigen Situation.

1. Die historisch beispiellose Niedrigzinsphase

Dieser Grund wird dir vermutlich sofort eingefallen sein. Seit der Immobilienblase 2008 haben alle Notenbanken der Welt mehr oder weniger eine Niedrigzinsstrategie etabliert. Natürlich gab es Unterschiede zwischen den Notenbanken und auch einige Phasen, in denen die Zinsen leicht angehoben wurden. Eine Sache ist allerdings klar: Die überwiegend niedrigen Zinsen weltweit über so einen langen Zeitraum ist historisch gesehen beispiellos und hat natürlich unter anderem zur Folge, dass mehr Geld in Sachwerte fließt. Und dazu gehören eben auch Aktien. Seit 2008 war man in Sachen Geldanlage, die die Inflation überkompensieren kann, alternativlos und deswegen gezwungen, in Sachwerte zu investieren. Dies führte zu mehr Käufen am Aktienmarkt, die die Kurse in die Höhe getrieben hat.

2. Der neue Aktientrend

Der seit einigen Jahren aufstrebende Aktientrend wurde vor allem durch die sogenannten Neobroker wie Traderepublic oder Robin Hood befeuert. Diese neuen Broker ziehen mit einfach dargestellten Apps und gezielter Werbung, die verdeutlicht, wie einfach der Aktienhandel über deren Plattform sein kann, junge Anleger an, die zuvor noch keine Berührungspunkte mit der Börse hatten. Gleichzeitig entstehen durch das Internet und einschlägigen Foren neue Möglichkeiten, wie Anleger sich austauschen und organisieren können. Die Gamestop-Geschichte Anfang des Jahres zeigte, welche zum Teil ideologische Kraft diese jungen Anleger antrieb, die trotz fehlender Kenntnisse über das Unternehmen und Erfahrungen sich von der Masse mitreißen ließen. All das führte dazu, dass in den letzten Jahren mehr Kapital in den Aktienmarkt geflossen und das Bewertungsniveau entsprechend angestiegen ist.

3. Die Kursgewinne werden durch entsprechende Umsatz- und Gewinnsteigerungen gedeckt

Im Gegensatz zur Dotcom-Blase gibt es in der jetzigen Phase eine weitere Besonderheit. Die Kurssteigerungen gehen mit entsprechenden Umsatz- und Gewinnsteigerungen bei vielen Unternehmen einher. Das bedeutet, dass die Anleger zwar höhere Gewinnerwartungen haben, die Unternehmen es aber auch geschafft haben, Steigerungen in Umsätzen und Gewinnen zu erzielen. Denn ein hohes KGV ist nur dann besonders gefährlich für einen rapiden Wertverfall, wenn das dahinterstehende Unternehmen mit den Quartals- oder Jahreszahlen enttäuscht. Unternehmen wie Microsoft oder Amazon haben in den letzten Jahren zum Beispiel besondere Zuwächse in Umsatz und Gewinne eingefahren, da sie in das stark wachsende Cloud-Geschäft investiert haben.

In der Zeit zur Dotcom-Blase hin traf dies hingegen oftmals nicht zu. Es war bereits ausreichend, wenn beispielsweise eine Firma für Tierfutterhandel eine Website erstellte, damit der Aktienkurs in die Höhe schießt. Es war also ein überhitzter Markt, in dem viele Anleger wild spekulierten, dass alleine eine Präsenz online ausreicht, damit das Unternehmen plötzlich deutlich massiv an Profitabilität gewinnt, was sich im Nachhinein natürlich als Trugschluss herausstellte.

Heißt das wiederum, dass das Bewertungsniveau ungefährlich ist?

Meine persönliche Meinung dazu: Absolut ungefährlich ist eine risikobehaftete Anlage nie. Denn trotz besonderen Umstände in den letzten 12 Jahren, die uns zu diesem Stand geführt haben, sollte man dennoch vorsichtig sein, in welche Werte man einsteigt. Wer langfristig in breit gestreute ETFs investiert, kann kurzfristige Rücksetzer verkraften und die günstigere Bewertung bei einer Korrektur zum Nachkauf nutzen. Anleger in Einzelaktien sollten aber immer beachten, dass ein höheres KGV immer mit einer höheren Gewinnerwartung des Marktes einhergeht. Je höher die Erwartungen, desto schneller passiert es, dass ein Unternehmen mit seinen Zahlen enttäuscht und die Aktie einbricht. Inzwischen scheint es so, dass vor allem bei großen Tech-Unternehmen mit gutem Wachstum ein 30er KGV Standard ist, was ich persönlich aufgrund der oben beschriebenen Umstände noch tolerierbar finde. Umso mehr sollte man daher bei Aktien aufpassen, deren Bewertungsniveau noch weiter darüber liegt.

Natürlich ist das KGV nicht das einzige Merkmal, an dem man eine Aktie bemessen sollte. In einigen Fällen hinkt die Betrachtung dieser Kennzahl sogar. Darauf werde ich in einem zukünftigen Artikel näher eingehen. Wichtig ist, dass dir bewusst ist, dass sich aktuell die Bewertungen über den Aktienmarkt hinweg – egal ob ausgedrückt im Kontext vom Kurs-Gewinn-Verhältnis oder Kurs-Buchwert-Verhältnis – auf einem historisch gesehen gehobenem Niveau befinden. Wann, ob und wie sich daraus tatsächlich eine akut gefährliche Spekulationsblase im Aktienmarkt entwickelt, die zu einem Börsencrash führen wird, kann nur die Zeit (und die weitere Zinsstrategie der Notenbanken) sagen. Mir ist es von Bedeutung, mit diesem Artikel das Wissen zu verbreiten, damit du diese Situation besser einschätzen zu kannst.

Kurzum

  1. Historisch gesehen befinden wir uns hinsichtlich des Bewertungsniveaus auf einem gehobenen Stand.
  2. Die anhaltende Niedrigzinsphase, eine Flut neuer Anleger und eine bessere Erreichbarkeit des Aktienmarktes sorgen für reichlichen Kapitalzufluss in den Aktienmarkt.
  3. Daher sind eine durchdachte und personalisierte Aktienstrategie, eine sorgfältige Auswahl von Einzeltiteln (falls passive Anlage nicht in Frage kommt) und ein langfristiger Anlagehorizont umso wichtiger denn je.

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