Trau Dich!

“Ja, ich will.” Diese drei Worte solltest du nicht nur am Altar sagen, sondern auch zu gewissen Ländern außerhalb Deutschlands.

Nein, auch dieser Artikel wird nichts mit Liebe, Hochzeiten oder Fernreisen zu tun haben. Vielmehr geht es um ein Phänomen im Anlegerverhalten, das sich in mehr oder weniger starker Ausprägung weltweit feststellen lässt: Die Neigung zu Anlagen in heimische Unternehmen, oder wie die Forschung es bezeichnet: Home Bias. Hierzulande werden Anleger in Einzelaktien öfter mit folgenden Fragen konfrontiert:

Soll ich in Siemens investieren?

Ist die Daimler-Aktie aktuell eine gute Anlage?

Die Gemeinsamkeit dieser beiden Fragen? Es sind deutsche Unternehmen. In diesem Artikel wirst du sehen, wieso es generell keine gute Idee ist, seine Geldanlage auf nationale Grenzen zu beschränken und warum ausgerechnet wir Deutsche uns diesem Phänomen besonders bewusst werden sollen.

Worum geht es genau?

Nun, wie eingangs erwähnt, geht es bei dieser Auffälligkeit im Anlegerverhalten darum, dass man (un-)bewusst ein Augenmerk auf heimische Unternehmen hat und dadurch ausländische Firmen in den Hintergrund treten was die Geldanlage betrifft. Dieser Fokus ist so betrachtet eigentlich auch naheliegend: Man kennt die Firmen, die heimischen Medien berichten über sie und vielleicht hat man Freunde und Familie, die in diesen Betrieben arbeiten. Kurzum: Sie sind vertrauter. Warum also nicht in sie investieren? Das Problem dabei ist, dass man dadurch eine mangelnde Streuung bzw. Diversifikation in seiner Anlage hat. Egal ob du aktiver oder passiver Investor bist, mit dieser Konzentration der Anlage gehst du die Wette ein, dass die nationalen Firmen anderen ausländischen Unternehmen überlegen sind, oder im Durchschnitt besser abschneiden werden als die Weltwirtschaft. Das kann zwar gut gehen, wenn du richtig liegst, aber diese Wette würde ich mit deutschen Aktiengesellschaften nicht eingehen…

Was ist an deutschen Aktien nun so schlecht?

Bevor wir auf diese Frage eingehen, lass uns vorab einen 10-Jahresrückblick auf den DAX werfen und direkt im Anschluss zum Vergleich auf den weltweiten Index MSCI World, der die wirtschaftliche Entwicklung von Industriestaaten darstellt.

Deutscher Aktienindex – 10 Jahre (08.09.2020)
Quelle: https://www.onvista.de/index/DAX-KURS-Index-1966970
MSCI World – 10 Jahre (08.09.2020)
Quelle: https://www.onvista.de/index/MSCI-WORLD-GDTR-UHD-Index-10370091

Was fällt uns beim Anblick dieser zwei Index-Verläufe auf? Zum einen sind die Kursschwankungen im Verlauf der letzten 10 Jahre beim DAX deutlich stärker als die beim MSCI World. Der bereits in einem älteren Artikel diskutierte Effekt der Risikosenkung durch Diversifikation bzw. Streuung der Anlagen macht sich hier also bemerkbar.

Zum anderen – und das ist der noch entscheidendere Fakt – hat der MSCI World über diesen Zeitraum deutlich besser abgeschnitten. Wer vor 10 Jahren einen ETF auf den DAX gekauft hat, hat heute eine Wertsteigerung von 58% erzielt. Der gleiche Anleger in den MSCI World hingegen fährt eine Rendite von 187% ein (alle Angaben natürlich ohne Fondskosten und Steuern).

Warum ist das so? Ist die deutsche Wirtschaft einfach nur schlecht? Die klare Antwort darauf: Jein. Denn einerseits haben wir vor allem hier in Deutschland eine weniger ausgeprägte Aktienkultur als in anderen Ländern. Das bedeutet, dass viele deutsche Unternehmen nicht an der Börse gelistet und oft in privaten Händen sind. Die Unternehmen des hochgelobten Mittelstandes – eine maßgebliche Säule unserer Wirtschaftsleistung – sind beispielweise häufig keine Aktiengesellschaften und werden somit nicht von Aktienindizes erfasst.

Andererseits handelt es sich bei vielen börsennotierten Unternehmen in Deutschland um klassische Industriekonzerne, die etablierte Firmen in ihrem Bereich sind und in großen Märkten agieren, die allerdings nicht mehr so stark wachsen. Das ist per se nicht schlecht, denn viele von ihnen haben einen guten Ruf und erzielen auch ordentliche Gewinne. Für einen nachhaltig steigenden Aktienkurs hingegen müssen Unternehmen entsprechend steigende Gewinne einfahren. Und das ist das Problem, das sich hier manifestiert: Während beispielsweise Tech-Konzerne wie Amazon oder Microsoft in wachsenden Märkten agieren und somit steigende Gewinne von Jahr zu Jahr einfahren, die einen nachhaltig höheren Kurs rechtfertigen können, sind im DAX überwiegend Firmen in gesättigten Märkten bzw. Märkten ohne starkem Wachstum unterwegs.

Es gibt noch weitere Effekte, die hier reinspielen, aber diese zwei führen maßgeblich dazu, dass ein Investor in deutschen Aktiengesellschaften historisch deutlich schlechter gestellt war, als ein vergleichbarer Anleger in den “breiten Markt”. Zwar gilt an der Börse immer der Leitsatz “Vergangene Verläufe sagen nichts über die Zukunft aus.”, allerdings ist angesichts der aktuellen Firmenlandschaft im DAX auf absehbare Zeit keine großartige Trendwende zu erwarten.

Kurzum

  1. “Home Bias” beschreibt das Phänomen, das Anleger tendenziell auf heimische Firmen fokussiert sind.
  2. Die weniger ausgeprägte Aktienkultur und fehlende Aussichten auf signifikante Gewinnsteigerungen sind zwei Faktoren, die dazu beitragen, dass ein Anleger in deutsche Aktien historisch schlechter abgeschnitten hat, als ein Anleger in die Weltwirtschaft.
  3. Streue deine Investitionen auf verschiedene Länder und Branchen.

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