Das Timing zählt – oder doch nicht?

Lass uns diesen Beitrag gleich mal mit einem Beispiel beginnen. Stell dir vor, du hast 100.000€ gewonnen. Herzlichen Glückwunsch! Und es kommt noch besser: Du brauchst das Geld gerade nicht, denn deine optimal gelegene Wohnung ist schon sehr schön eingerichtet und der Luxus-Urlaub auf Bali dieses Jahr bereits bezahlt. Kurz: Du möchtest das Geld also gerne anlegen. Als fleißiger Leser hast du natürlich bereits alle Artikel durchgekämmt und bist an einer Anlage in Aktien interessiert. Weil wir neulich schon die VW-Aktie beleuchtet haben, werfen wir doch einen Blick auf den schwäbischen Konkurrenten namens Daimler:

Quelle: https://www.onvista.de/aktien/Daimler-Aktie-DE0007100000 (Stand: 21.04.2019)

Nun, wie würdest du jetzt angesichts des Kursverlaufes investieren? Manch einer würde bei einem Blick auf den Chart sagen: “Naja, ganz einfach! Wenn ich das Geld früher schon gehabt hätte, hätte ich den kompletten Betrag bei (1) investiert und bei (2) alle Anteile wieder verkauft. Damit hätte ich mein Vermögen mehr als verdreifacht!“.

Das mag so im Kursverlauf stimmen, aber das ist natürlich nur die rückwirkende Betrachtung. Hätte man den exakten Verlauf so vorher bestimmen können? Leider nicht. Das mag jetzt sehr banal klingen für dich, ist aber in der Tat ein bekannter Forschungsbereich im Anlegerverhalten (Behavioral Finance) und bekannt unter dem Namen „Rückschaufehler“. Grob gesagt versteht man darunter die Neigung von Menschen, zu glauben, vergangene Geschehnisse vorausgesehen zu haben. Insbesondere im Bereich Aktien blicken Leute auf einen Chart, zeigen auf die Kurseinbrüche und meinen dann, dass sich der Börsen-Crash zuvor bereits abgezeichnet hat.

Natürlich ist es völlig offensichtlich, dass man sowas zumindest nicht mit einem banalen Blick auf den Chart erahnen und schon gar nicht vorhersehen kann. Wichtig ist, dass dir zukünftig dieser psychologische Effekt auch bei der Geldanlage bekannt ist. Und das nicht nur rückblickend, sondern auch vorausschauend. Denn eines der Hauptmethoden, wie Fondsmanager von aktiv gemanagten Fonds versuchen, den Vergleichsindex zu schlagen, ist das Market Timing. Sie versuchen also durch Recherchen und Analysen den optimalen Ein- und Ausstiegszeitpunkt von Wertpapierpositionen zu bestimmen. Die Tatsache, dass das ein schwieriges Unterfangen und letztlich auch mit etwas Glück behaftet ist, stellt eine der maßgeblichen Herausforderungen für den Fondsmanager dar. Vor allem im Hinblick auf die Tatsache, dass ihm das richtige Timing mehrmals gelingen muss, um einen Vergleichsindex zu schlagen, ist unter anderem eines der Hauptgründe, wieso es ihnen meistens langfristig gesehen nicht gelingt.

Nichtsdestotrotz ist der zukünftige Kursverlauf kein reines Zufallsexperiment und mit gewissen Analysen von einzelnen Unternehmen oder Märkten lassen sich zumindest informierte Annahmen über den weiteren Verlauf treffen. Dass das Timing beim Einstieg in die Anlage allerdings durch den Anlagehorizont relativiert wird, kannst du hier nochmal nachlesen.

Kurzum

  1. Der Rückschaufehler verleitet zum Glauben, dass bestimmte Ereignisse in der Vergangenheit vorhersagbar waren.
  2. Das Bewusstsein für diesen psychologischen Effekt ist auch beim Thema Geldanlage wichtig, um Aussagen und Prognosen zu Kursverläufen oder Börseneinbrüchen kritischer zu bewerten.

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